In sieben Stunden nach Udaipur

Sieben Stunden im Zug hört sich erstmal nach recht viel an, kann in Indien aber recht angenehm sein, wenn man einen Sitzplatz in einem nur mäßig besetzen Zug mit Klimaanlage hat. Dank der Hilfe des Personals in unserem letzten Hotel in Jaipur hatten wir das. Sie buchten uns Plätze in der zweiten Klasse des Schnellzuges von Jaipur nach Udaipur. Pro Sitzplatz bezahlt man hier nur schlappe neun Euro für rund 500 Kilometer Fahrt. Nun sollte man sich von einem indischen Eisenbahnwagon nicht allzuviel erhoffen – Klimaanlage funktioniert zwar und auch der Sitzabstand ist sehr groß – , aber alles andere ist sehr heruntergekommen und ziemlich versifft. Wir sind inzwischen aber schon wesentlich Schlimmeres gewohnt und so konnten wir die Fahrt genießen und uns auf das Geschehen rings um uns herum konzentrieren, wie zum Beispiel auf mitreisende Familien. Vielleicht ein paar Worte zu der Erziehung kleiner, männlicher Kinder im Alter von ungefähr fünf Jahren in Indien: Sie findet nicht statt! Die Mama schiebt dem Kleinen Essen in den Mund, während er seine zwei Hände braucht, um mit dem Handy zu spielen. Ist die Mama zu schnell mit der Fütterung, wird sie angeblafft. Ebenso, wenn sie zu langsam ist. Ansonsten wird sie ignoriert. Nach dem Essen erkundet der Junge dann das Abteil, dabei geht es über und unter den Sitzen hindurch, gerne auch über andere Mitreisende hinweg. Findet er interessante Gepäckstücke, werden diese untersucht und damit gespielt. Der Besitzer eines Koffers wirft der Mutter einen flehenden Blick zu – die Mutter schaut weg. Nicht mein Problem. Irgendwann erwischt das Kind denn Motoradhelm eines jungen, europäischen Touristen. Seinen verzweifelten, ratlosen Blick, als der Junge anfängt, das Visier abzubauen, werde ich nicht vergessen. Aber wie reagiert man als Tourist in einem fremden Land auf übergriffige Kinder? Soll man dem Kind den Helm wegnehmen und dabei Gefahr laufen, als autoritärer Europäer dazustehen? Oder sind Kinder hier womöglich sogar heiliger als Kühe und man muss sie gewähren lassen? Selbst, wenn sie einen zweihundert Euro teuren Helm auseinander nehmen? Der junge Tourist hat Glück: Die Eltern – ein Papa ist auch dabei, der war aber die ganze Zeit komplett unsichtbar – haben ihr Ziel erreicht und steigen aus. Gott sei Dank nehmen sie das Kind mit.

Blick vom City Palace auf die Altstadt von Udaipur

Udaipur – die romantische Stadt

Es ist nun nicht so, dass es in Udaipur keine hupenden Autos gäbe oder Tuktuk Fahrer, die einem eine Fahrt aufschwätzen möchten, aber es sind ganz andere Dimensionen als in Delhi oder Agra. Udaipur hat gerade mal 400.000 Einwohner und ist somit recht überschaubar. Den für Touristen interessante Bereich kann man sogar kleinstädtisch nennen. Die Autos hupen hier nur sporadisch und nicht permanent, und die Tuktuk Fahrer geben bereits nach dem ersten „Nein“ auf. Wirklich gemütlich. Dazu kommt, dass Udaipur mit Seen und recht großen Grünflächen gesegnet ist, was ganz erheblich zur Entspannung beiträgt. Sehenswert in Udaipur ist der City Palace, für dessen Besichtigung man gut einen halben Tag einplanen kann. Ansonsten ist Udaipur geprägt von vielen westlichen Touristen, Yogastudios und veganen Restaurants mit tollen Dachterrassen. Wir haben für unsere Zeit in Udaipur das Hostel „Zostel“ gebucht, was ein echter Glücksgriff war. Am zweiten Abend unternahmen wir mit ein paar anderen Reisenden und einem Mitarbeiter einen Ausflug zu dem Künstlerdorf Shilpgram.

Musik- und Tanzgruppe in Shilpgram

Ausflug nach Schilpgram

Shilpgram ist eine Ansiedlung von ca. 7 Hektar und beherbergt verschiedene Kunstrichtungen. Es gibt ein Gelände mit großen Steinskulpturen, ein ethnologisches Museum, Tanz- und Musikgruppen, Puppentheater, Metallskulpturen und viele Stände, die Essen aus fast allen Regionen Indiens bieten. Wir hatten auch noch das Glück, dass gleichzeitig das Shilpgram Festival stattfand, mit professionellen Musikern aus ganz Indien. Unter freiem Himmel eine Mischung aus indischer Folklore und moderner Rockmusik zu hören, war für uns ein ganz besonderes, stimmungsvolles Erlebnis.

Konzert in Shilpgram

Obwohl wir uns nun recht gut in den etwas sperrigen Norden Indien eingelebt haben, beenden wir jetzt die Sightseeing Tour und fliegen weiter Richtung Süden. Es zieht uns ans Meer und zur Natur und deshalb ist Goa das nächste Ziel unserer Reise. Mal sehen, was aus der ehemaligen Hippie Hochburg geworden ist.

Unser Hostel „Zostel“
Altes Schloss im City Palace Udaipur
Tanzgruppe in Shilpgram

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