Die Hexe von Hue

Wer kann zu einer alten, liebenswerten, von der Arbeit gramgebeugten Frau, die mich auch noch an meine eigene Großmutter erinnert, schon „Nein!“ sagen. Ich jedenfalls nicht! Ansonsten nehme ich es mit jedem Andenkenverkäufer, Fahrradrikschafahrer, Bettler oder Blumenverkäufer auf und schleudere ihnen mein felsenfestes, unerschütterliches „Nein!“ entgegen, das keinen Widerspruch duldet. Es ist schon Jahre her, dass ich etwas kaufte, das ich nicht brauchte oder mir eine Dienstleistung andrehen ließ, die ich nicht wollte. Wahrscheinlich, weil ich einen großen Bogen um alte, gramgebeugte Frauen mache. Der Hexe von Hue, wie ich sie seit meiner Begegnung mit ihr nenne, konnte ich nicht aus dem Weg gehen. Ich traf sie auf einem Drachenboot und ich hätte schon in die trüben Fluten des Huong Giang Flusses springen müssen, um ihr zu entkommen. Dabei hat der Tag so schön begonnen. Steffie und ich haben eine Tagestour zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Kaiserstadt Hue gebucht. Die Fahrt führt sowohl mit dem Auto als auch mit einem der sogenannten Drachenboote zu dem Mausoleum des Kaisers Minh Mang, zur Pagode der himmlischen Frau, zum Grabmal des Kaisers Khai Dinh und der Zitadelle von Hue. Zu den ersten Bauwerken brachte uns der freundliche Taxifahrer Pet, der uns während der Tour mit der Analyse des Sieges der vietnamesischen U23 Fussballnationalmannschaft gegen Quatar (5:3 nach Elfmeterschießen) unterhielt. Bei der Pagode der himmlischen Frau (Thien-Mu) verabschiedete er sich, nicht ohne uns noch vorher die Stelle am Parfüm-Fluss zu zeigen, an der das Drachenboot warten würde. Wir genossen also die Highlights asiatischer Baukunst – die siebenstöckige Pagode ist die höchste Vietnams – und wurden dann bereits am Fluss vom Kapitän des Drachenbootes und seiner Frau erwartet. Die beiden hatten bestimmt schon an die 70 Jahre auf dem Buckel, da aber die nette Bedienung aus der Rooftop Bar, in der wir tags zuvor gegessen hatten, aussah wie 14, aber bereits 22 Jahre alt war, kann es sein, dass das Schifferpaar schon stramm auf die 80 zu ging. Er verschwand gleich auf dem Heck, von wo aus er das bunt bemalte Boot durch den gemächlich fließenden Fluss steuerte, während sie uns zu Tisch bat und das vorzügliche, bereits im Preis enthaltene Mittagessen servierte. Es gab Reis, gebratene Eier, Frühlingsrollen, Tofu und allerlei Gemüse. Sie saß bei uns, scherzte, legte uns reichlich Essen nach, tätschelte mir den Rücken und tat gar freundlich. Wäre ich an dieser Stelle ins Wasser gehechtet, bliebe mir der Tag wohl als „insgesamt schön“ in Erinnerung. Ich sprang aber nicht und kaum war der Tisch abgeräumt, breitete die Frau ihre Krämerwaren vor uns aus. Dazu ein Schild in fünf Sprachen: „Mit dem Kauf helfen sie der Familie und dem Boot“. Steffie zog sich geschickt aus der Affäre, indem sie an Deck ging, um die Ufer des Huong Giang zu bewundern. Mich ließ sie mit der gesamten Reisekasse plus Kreditkarte zurück, wohlwissend, dass ich zu hochbetagten Mütterchen nicht nein sagen kann und praktisch Haus und Hof auf dem Spiel stand. Ich quälte mich widerwillig durch ihre Auslage, konnte noch recht geschickt die teuer wirkenden Holzskulpturen und Drachenbootmodelle übersehen, obwohl sie mir diese direkt vor die Augen hielt und dabei sehr mitleidig dreinschaute und entschied mich letztendlich zähneknirschend für zwei Faltkarten und drei Magnettäfelchen, die im Einkauf zusammen kaum zwei Euro wert gewesen sein dürften. Dann kam der Moment, an den ich mich nur noch sehr dunkel erinnern kann: Ich fragte nach dem Preis, sie nannte eine völlig überzogene Summe und ich gab ihr das Geld. Kein „Nein!“ und nicht mal der Versuch zu feilschen. Den Rest der Fahrt verbrachte ich damit, gute Ausreden für meinen Kontrollverlust zu finden. Drogen im Essen, Hypnose, Zauberei? Nein, es war schlicht Hexenwerk! Zum Abendessen gab es dann nur Reis und die nächste Unterkunft wird wohl ein Bett im Schlafsaal eines Hostels sein.

Das leckere Essen auf dem Drachenboot
Huong Giang – der Parfümfluss
Zwei Faltkarten und drei Magnettäfelchen
Thien Mu – die Pagode der himmlischen Frau

3 Kommentare

  1. Bestes Beispiel: „Frau weiss immer schon im vorraus, wann Mann in die Fall tappt….“
    Und wie Frauen so sind, geben sie ihm die Chance ihre eigenen Erfahrungen zu machen und fliehen sanft.

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